Adrenalin und Geschichte an Ostsee und Atlantik - 2026: Tag 22-28 (UK: Walse)

Ahoi zusammen,

heute gibt es wieder ein ausführliches Logbuch, denn in den letzten Tagen hat sich einiges angesammelt. So bleibt die Erinnerung frisch, bevor der Alltag wieder das Steuer übernimmt.

 

Freitag: letzter Hafen vor der Abfahrt

Am Freitag begann der Tag mit einem entspannten Frühstück, viel vor hatten wir am letzten gemeinsamen Urlaubstag nciht mehr. Anschließend gingen die Damen noch eingekauft und dann ging es natürlich noch an den Strand. Der erwartete Regen blieb aus, stattdessen zeigte sich der Tag erstaunlich freundlich. Wie gut, dass es Wetterapps gibt - die haben nämlich alles samt Regen vorhergesagt. Leons Handy hatte allerdings seine ganz eigenen Reisepläne: keine Helligkeit mehr, überhitzt und auf null heruntergeregelt. Das war zunächst suboptimal, hat sich im Haus und nach etwas Abkühlung aber wieder erholt.

Danach hieß es Koffer packen, beziehungsweise alles wieder ins Wohnmobil räumen. Das leere Haus wirkte traurig, wie ein Hafen ohne Schiffe. Es ist immer schade, wenn ein Urlaub zu Ende geht und man sich so richtig wohlgefühlt hat.

Abends gingen wir noch einmal essen. Die Wetterapps hatten einen leichten Regen vorhergesagt, nach dem wir essen waren. Dem Wetter war das egal, denn es kam ein Regenguss und alle rückten unter den Schirmen zusammen. Nach dem Essen war die Sonne wieder da, und wir saßen noch ein letztes Mal gemeinsam auf der Terrasse. Ein schöner Abschluss, mit Gemeinschaft, Gesprächen und diesem seltsamen Gefühl, das nur die letzten Urlaubsabende haben.

Samstag: Abschied und Weiterfahrt

Am Samstag hieß es dann Abschied nehmen. Chrissy und Lara sowie Nina, Domi und Olli fuhren nach Hause, Leon und ich segelten weiter. So schnell vergehen zweieinhalb Wochen. Eine großartige Zeit, tolle Menschen, ein schöner Ort – Herz, was willst du mehr?

Nachdem uch das Dickerchen in See gestochen ist, steuerten wir einen Zwischenhafen an. Einkaufen, Pfand zurückgegeben und in den Baumarkt. Wir brauchten Druckluft, um den Kamin unseres Kühlschranks einmal durchpusten zu können und kauften dabei auch noch einen Ministaubsauger, eine LED Tischlampe und zwei LED Lampen für den Markisenbereich. So wird der Baumarkt zum Ikea. Zudem haben wir unterwegs noh Wasser gebunkert, an einer Ver- und Entsorgungsstelle mitten in einem Industriegebiet.

Eigentlich wollten wir nur 2/3 der Strecke fahren, doch der Verkehr lief gut, daher ließen wir den geplanten Zwischenstopp einfach aus und fuhren direkt weiter nach Hoek van Holland, also an den Hafen von Rotterdam.

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Sonntag: Strand, Grenze und Fähre

Sonntag stand ein Spaziergang am Strand auf dem Programm. Dort liegen noch viele Überreste von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg, teils als Museum, teils einfach als stille Zeugen der Geschichte. Leider waren alle geschlossen, da Ferien waren. Bei uns wäre das vermutlich genau umgekehrt: gerade in den Ferien hätte man geöffnet und den gefühlten Rest des Jahres geschlossen. ie Preise am Strand waren heftig. Jetzt hatten wir ja den direkten Vergleich zur Ostsee: Slush 6 Euro, Pommes 8 Euro, Toilette 75 Cent. Da wundert es fast nicht mehr, dass Benzin 2,60 Euro und Diesel 2,50 Euro kosten. Da wirken unsere Preise selbst ohne Tankrabatt schon fast "fair".

Anschließend ging es zurück zum Wohnmobil und weiter zur Fähre. Das Einchecken am ersten Schalter bei Stena Line war problemlos, dort wurden nur die Bordkarten aus dem Apple Wallet gescannt. Danach ging es in der Schlange weiter zur Grenzkontrolle. Der Polizist scannte unsere Reisepässe, prüfte das ETA-Visum, das wir noch vom letzten Jahr haben und das drei Jahre gültig ist, und stoppte uns dann trotzdem erst einmal, mit dem Hinweis, dass wir die EU verlassen, wenn wir nach Großbritannien reisen und dafür brauchen Alleinreisende mit Kind die Erlaubnis des zweiten Elternteils oder den Nachweis, dass sie alleinerziehend sind. Also musste ich Chrissy anrufen, sie schickte mir ein Foto ihres Ausweises per Whatsapp, das dann anhand der Ausweisnummer und des Fotos geprüft wurde und anschließend stellte der Beamte noch ein paar Fragen:

  • Warum ist Chrissy nicht dabei?
  • Warum haben Chrissy und ich unterschiedliche Nachnamen?
  • Warum hat Leon nicht meinen Nachnamen?

Glücklicherweise sprechen die Briten verständliches Englisch. Bei einem nuschelnden Texaner wäre das vermutlich deutlich komplizierter geworden :D

Die Fähre selbst, diesmal war es die Stena Britannica, war kleiner als die nach Hull und hatte weniger Fahrzeuge an Bord. Ein Unterhaltungsdeck gab es ebenfalls nicht. Die Überfahrt war kürzer, und als erstes britisches Essen gab es Fish and Chips. Wegen des Finales der Fußball WM im Fernsehen war nahezu jeder Platz besetzt, egal ob Restaurant, Café oder Bar. Vielleicht war auch das der Grund, warum alle Mitreisenden schon so früh an Bord waren, denn nach einer kurzen Durchsage des Kapitäns konnte unser Schiff schon 30 Minuten früher ablegen, als geplant.

Wir waren müde und sind  nach dem Essen direkt in die Kabine. Das Schaukeln des Schiffes auf der offenen See machte zusätzlich schläfrig und ich bin bei schaukelnden Schiffen sonst nicht empfindlich. Wenn aber der Duschvorhang im Wechsel, mal mitten im Bad hängt und dann plötzlich wieder am Schienbei klebt, sind es keine sanften Wellen mehr. Das Spiel im TV verschaffte da auch Leon ablenkung von seinem "schummrigen" Kopf. Fußball mit Niederländischem Kommentator, statt auf Englisch in der BBC - ein ulkiges Erlebnis, wenn man alles aber doch nichts versteht. Die BBC konnten wir aber nicht schauen, denn das Signal hatte ungefähr 25 Minuten Verzögerung. Leon kümmerte das aber wenig und schlief in der Verlängerung ein.

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Montag: Hafen, Linksverkehr und Baustellenkunst

Geweckt wurden wir um 5:45 Uhr durch Lautsprecher. Als Erstes fiel auf: Es schwankt nichts mehr. Wie wir später feststellten, war nicht die See ruhiger geworden, sondern wir lagen bereits im Hafen. Nach dem Frühstück gingen die Tore zu den Fahrzeugdecks auf. Die ersten Fahrzeuge fuhren von Bord, dann stoppte plötzlich alles. Ein LKW hatte sich verkeilt, also hieß es warten. Viele winkende Hände halfen dem Trucker und nach 30 Minuten konnten wir dann auch vom Deck rollen.

Linksverkehr? Kein Problem. Es gibt gefühlt zehn Schilder, die einem das Weiß auf Rot erklären, und nach dem ersten Kreisverkehr ist man direkt wieder drin. Die Fahrt verlief problemlos bis zum Zwischenziel kurz vor Wales. Dort kam dann Stau auf. Die achtspurige M4 wurde wegen Brückenbauarbeiten, Abriss und Neubau über eine Landstraße umgeleitet. Die letzten 15 Minuten zogen sich dadurch auf 45 Minuten.

Beeindruckend waren die Schilder: Baubeginn 04/2026, geplante Fertigstellung 06/2027. Für den Abriss einer 120 Meter langen Brücke und den Neubau inklusive vier neuer Zu- und Abfahrten ist das sehr sportlich. Beeindruckend war aber vor allem, dass die alte Brücke schon weg war, die neue bereits erste Pfeiler hatte und als Ziel sogar auf einem Zusatzschild mit 04/2027 statt 06/2027 angegeben wurde. Eine Info, die es bei uns eher nicht gäbe. Vor allem nicht bei einer Baustelle, die früher fertig wird als geplant. Wir bauen bekanntlich meist länger, teurer und am Ende noch mit zusätzlichen Planungsrunden.

Was mir außerdem aufgefallen ist: Auf der Fähre, aber auch jetzt auf dem Parkplatz in Großbritannien und vorher in den Niederlanden, gibt es eine enorme Menge an Elektrofahrzeugen und flächendeckend vorhandene Ladesäulen. Sind wir Deutschen wirklich so konservativ, dass unsere Unternehmen die Weiterentwicklung verpassen und unsere Bürokratie jede Beschleunigung ausbremst? Ein Land, das sich gern als Land der Dichter und Denker sieht, wirkt manchmal eher wie ein Land der Formulare und Verzögerungen.

Dienstag: Ende der bisherigen Reise

Am Dienstag standen Arbeiten, Packen und Weiterfahrt auf dem Programm. Zuerst erwartete uns der bekannte Stau, der Rest der Fahrt verlief aber sehr gut. Bis auf die letzten zwei Kilometer. Die waren gesperrt, weil sie durch ein militärisches Übungsgelände führen. Schilder, rote Fahnen und Straßensperren machten das unmissverständlich klar. Die Umleitung war allerdings nicht für Wohnmobile gemacht. Teilweise waren auf beiden Seiten nur 50 Zentimeter zur Randbefestigung, niedrige Bäume standen Spalier, und das Navi war heillos überfordert, weil das Militärgelände und seine Wege dort natürlich nicht verzeichnet sind. Es ging aber alles gut.

Am Platz angekommen, haben wir uns erst einmal grob fertig gemacht und sind dann direkt an den Strand. Der Ort hat auch beim zweiten Besuch nichts von seiner naturbelassenen Schönheit verloren. Man merkt sofort, dass hier die Küste noch atmet und nicht glattgebügelt wurde. Unser erster Weg führte in die Dünen zum Grab von Dobby, dem freien Elf aus den Harry-Potter-Geschichten. Unsere Steine und Socken vom letzten Jahr haben wir nicht mehr gefunden, dafür hätten wir wohl zu tief graben müssen. Auf den meisten Steinen steht inzwischen schon 2026, sodass die Schicht von 2025 bereits unter Sand und neuen Botschaften verschwunden ist.
Mir ist bewusst, dass Dobby nur eine Figur aus einem Buch ist. Und doch löst dieser Ort das Gefühl eines echten Grabes aus. Dass das nicht nur uns so geht, zeigen die vielen Inschriften auf den Steinen. Für mich geht es hier vor allem um die Werte, die Dobby verkörpert: Aus Unterdrückung wurde Freiheit, aus Unsicherheit wuchs Mut, aus Angst entstand Haltung. Am Ende stand jemand, der für das Gute eingetreten ist, für seine Freunde gekämpft und dafür sogar sein Leben geopfert hat. Vielleicht sollten wir alle etwas weniger meckern und etwas mehr für die gute Sache einstehen.

Direkt danach sind wir ans Wasser gegangen. Wir hatten zwar keine Badesachen an, Leon war das aber egal. Mit Straßenklamotten warf er sich ins Wasser, sprang in den Wellen und zeigte wieder einmal, warum er auch ein Seehund hätte werden können. Abends gab es die Reste vom Zwischenstopp an der Autobahnraststätte, dann ging es schlafen. Da es erst gegen 23 Uhr wirklich dunkel wird, verliert man hier schnell das Gefühl für die Zeit.

Kurz vor dem Einschlafen ging es dann los: zuerst Maschinengewehrfeuer, einzelne Salven, dann wurde es mehr. Als es wie ein Gefecht klang, mischten sich die dumpfen Schläge der Artillerie dazu, später das Quietschen, Scheppern und laute Knallen von Kettenpanzern. Schließlich kam auch noch ein Helikopter dazu, vermutlich um die „Verwundeten“ zu bergen. Bis wann die Übung ging, wissen wir nicht. Schlafen konnten wir trotzdem gut, weil der Lärm gedämpft war. Am Morgen war dann alles vorbei, als wäre nie etwas gewesen. Auch die roten Fahnen und Schilder waren verschwunden.

Mittwoch: Homeoffice und Strand

Am Mittwoch hatte ich Homeoffice, Leon chillte im Bett. Man kann über Musk sagen, was man will, und das meiste davon vermutlich zu Recht, aber sein Produkt ist wirklich klasse. Stabiles Internet an jeder Ecke und schneller als die meisten DSL-Anschlüsse und so mancher langsame Glasfaseranschluss. Auch die Farm profitiert davon. Früher musste man manchmal an mehreren Tagen versuchen, den Beitrag zu bezahlen, weil die Verbindung zum EC-Gerät wieder einmal nicht funktionierte. Jetzt gibt es dort sogar einen kleinen Shop mit den nötigsten Dingen des Alltags. Sehr wertvoll an einem Ort, der sich am „Ende“ der Welt anfühlt, wo der nächste Ort mit richtigem Supermarkt gut eine Stunde entfernt liegt.

Mittags ging es dann an den Strand. Das Wasser der Irischen See, also einem Ausläufer des Atlantiks, war wärmer als die Ostsee. 22 Grad, allerdings sehr windig, sodass sich die 26 Grad Luft nach dem Baden wie 18 anfühlen. Tückisch war vor allem, dass man die Kraft der Sonne kaum merkt. Für Leon war es ein kleines Paradies: Smokies backen zum Snacken, Dunkers Dippers, also Käseflips mit Schmelzkäse, und Softeis am Strand. Was direkt auffällt: alles ist weniger süß. Die Zuckersteuer der Briten bewirkt tatsächlich, dass weniger Zucker und Süßungsmittel drin sind. Die letzten Schlucke unserer deutschen Cola schmeckten regelrecht pappig süß.

Leon hat sich das Gesicht ein wenig verbrannt, ich habe mir die Schulter verbrannt. Nach dem Duschen gab es Tischtennis. Leon spielt im Verein, daher war er sich ziemlich sicher, dass er gewinnt. Noch kann ich aber das Spiel bestimmen. Seine Gefühle kann ich aber gut nachvollziehen. Das erinnert mich an die eigene Kindheit: Wie oft habe ich gedacht, heute gewinne ich gegen meinen Papa. Es blieb dann meist bei der Hoffnung, und gerade deshalb ist mir der erste Sieg so deutlich in Erinnerung geblieben. Abends haben wir Kaufhaus Cop 2 geschaut und Burger gegrillt. Der Film braucht einen langen Anlauf, bis die vorhersehbare Handlung einsetzt, und sobald sie da ist, bleibt alles eher flach. Kein Vergleich zum ersten Teil, wie bei so vielen Fortsetzungen. Danach noch etwas Chillen und Homeoffice. Schön, wenn Beruf und Arbeitgeber diese Flexibilität möglich machen.

Heute: Strand, Sonne und ein ruhiger Abend

Heute ist der Tag bis hierher kurz erzählt: Homeoffice und Chillen, dann ab an den Strand. Diesmal keine vier Stunden, denn die Sonne ist noch intensiver. Noch ist es sehr ruhig am Strand, mit wenig Menschen, überwiegend älteren Briten oder Briten mit kleinen Kindern. Gegen Abend wird es voller, wenn die „Anwohner“ nach der Arbeit noch einmal ins Meer springen. Laut dem Verkäufer im rollenden Café, das tagsüber dort steht, wird sich das aber bald ändern. Am Freitag bekommen alle Schüler im Vereinigten Königreich Ferien, und dann wird es hier schlagartig sehr voll.

Anschließend duschen und Tischtennis spielen, gleich gibt es Abendbrot. Wir grillen Mini-Steaks, dazu Salat und Brot. Vor dem Schlafengehen schauen wir noch Police Academy – das dürfte ein lustiger Abend werden.

Zum Abschluss passt heute ein Zitat, das gut zu diesen Tagen zwischen Fähre, Küste und Familienzeit passt:

„Reisen heißt nicht nur, neue Häfen anzulaufen. Es heißt auch, die kleinen ruhigen Buchten zu schätzen, bevor der nächste Kurs beginnt.“

 

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