Guten Morgen zusammen,
heute ein Beitrag, der mehrere Tage zusammenfasst, damit dieser Blog wieder aktuell ist.
Dienstag
Manche Rituale geben Halt und Sicherheit, manche stehlen Schlaf und Nerven – vor allem im Urlaub. Wenn man aber Homeoffice unterwegs macht, um so lange wie möglich unterwegs sein zu können, dann gehört er nun mal dazu, der Wecker.
Leon schlief noch, gut, dass das erste Webmeeting erst um 09:00 Uhr war. Tickets abschließen, damit keine offenen Baustellen übergeben werden müssen, Rechnungen freigeben und die letzten Arbeiten dokumentieren, damit das Team bei Unklarheiten nachlesen kann. Noch ein Jour fixe und die offizielle Arbeitsübergabe – Feierabend. Nun kann auch bei mir der Urlaub beginnen. In der Zwischenzeit ist auch Leon aufgewacht und zombiegleich durchs Wohnmobil gewandert. Irgendwo habe ich diesen Anblick schon mal gesehen … Nur wo? Klar: in Serien wie „The Walking Dead“, aber irgendwo noch – ach ja, das war es: Gestern Abend ist manch ein deutscher Nationalspieler ähnlich übers Feld gewandelt.
Anschließend haben wir das Wohnmobil abfahrbereit gemacht, mit geleerter Toilette und Abwassertank, denn die nächsten zweieinhalb Wochen werden wir das mehr oder weniger nicht brauchen. Danach Abfahrt, Kurs Bergen-Belsen. Dort gab es ein Wiedersehen mit Domi, Nina und Olli, sehr guten Freunden und mittlerweile Familie, mit denen wir bereits zweimal im Urlaub waren - Sommerreise 2024 und Sommerreise 2023 (Blog) - und natürlich mit Chrissy und Lara.
Nach einem Kaffee oder Kaltgetränk sind wir dann in die Ausstellung des ehemaligen Konzentrationslagers gegangen. Zuerst die Ausstellung. Grauenvoll, was Menschen Menschen antun können – und nicht weniger grauenvoll, dass es heute Menschen gibt, die das verharmlosen. Anschließend der Spaziergang über das ehemalige Lagergelände. Unglaublich, wie groß dieses Areal war, und überall sieht man Massengräber: „Hier ruhen 2000 Menschen“, „Hier ruhen 500 Menschen“, „Hier ruhen 2500 Menschen“ … Unglaublich. Auch Anne Frank war hier, bevor sie kurz vor Kriegsende nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Ihre Tagebücher sollten wohl die meisten schon gelesen oder wenigstens davon gehört haben.
Auch wenn in der Politik nicht immer alles glatt läuft und vieles vielleicht sogar falsch, so etwas wie damals darf nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht verharmlost oder beschönigt werden. Nie wieder ist jetzt!
Manche von uns wurden bei der Ausstellung und dem Spaziergang sehr ruhig und hatten einiges zu verarbeiten, und auch wenn ich schon einmal dort war und wusste, was damals geschehen ist, hatte ich dennoch einen Kloß in der Magengegend sitzen. Anschließend fuhren die Pkw weiter ins Hotel, das Wohnmobil schlug noch eine andere Route ein: Fahrt zum Friedhof der russischen Kriegsgefangenen, direkt um die Ecke, erreichbar über einen verlängerten Weg vom Lager. Hier dasselbe Bild: Gräber ohne Ende. Und was Konventionen wert sind, auch die Genfer, sieht man damals wie heute – leider nicht einmal das Papier, auf dem sie unterschrieben wurden. Auf dem Weg dorthin noch der Stopp an der Rampe, dem Güterbahnhof, wo ein Wagen der damaligen Zeit ausgestellt wurde und an die Deportierten erinnert wird. Beängstigend, in so einem Wagen zu stehen – und noch schlimmer: Auf dem Boden sind kleine Vierecke eingezeichnet. Bei 80 Personen in einem Wagen hatte jeder nur dieses bisschen Platz. Selbst total ausgehungert, wenn die Kraft zum Stehen kaum noch reicht, erschreckend wenig Raum, sogar wenn alle stehen.
Anschließend fuhr auch das Wohnmobil in Richtung Hotel und passierte dabei die Panzerringstraße, eine öffentlich befahrbare Straße des Bundes. Und wie sollte es anders sein: Aus einer Einfahrt kamen die Feldjäger, stoppten den Verkehr, und ihnen folgten neben einem Jeep zwei niederländische Truppentransportfahrzeuge, zwei Leopard und eine Panzerhaubitze 2000. Immer wieder beeindruckend, wie groß und laut diese Fahrzeuge sind. Der Abend war dann trotz der schweren Geschichte entspannt, mit einem Kaltgetränk und schönen Gesprächen – so etwas wie ruhige See nach schwerem Sturm.
Mittwoch
Weiterfahrt nach Hohwacht. Haus gemietet mit fünf Schlafzimmern, drei Bädern, Sauna mit Ruheraum, Terrasse, Garten mit Teehaus und das quasi direkt am Strand. Ein altes Haus mit Holzdielen, aber wunderschön. Auch die Temperaturen sind in Ordnung, und wir haben uns am Strand in einer Strandbar niedergelassen, etwas getrunken und geplaudert. Vor allem aber haben Olli und ich unsere Ferngläser und eine Marine-App genutzt. In der Bucht von Hohwacht wird Seezielschießen geübt, teilweise von Land aus, teilweise vom Wasser aus, und aktuell ist Übungszeit. Von Land aus kann man viele Schiffe der Marine sehr gut sehen, neben den Tendern Rhein und Oste zeitweise auch Einsatzgruppenversorger. Für zwei Technik- und Marinefans ein bisschen wie Schiffe beobachten im eigenen Heimathafen.
Heute (Donnerstag)
Heute dann Frühstück, das Wetter war grau und es war kühler. Ausflug nach Lütjenburg. Getreu dem Motto „Viele Wege führen nach Lütjenburg“ haben wir sowohl den Weg als auch zwei Parkplätze gefunden. Spaziergang durch die alte Stadt, alte Fachwerkhäuser, bei denen die Hohlräume zwischen den Balken nicht mit Lehm und Putz, sondern mit Klinkersteinen geschlossen wurden – recht schön, auch wenn es wie in jeder Stadt Ecken gibt, in denen die Industrie zu nah an die Wohngebiete oder die Innenstadt herangerückt ist und diese optisch eher ab- als aufwertet.
Anschließend Spaziergang zum Strand bei Hohwacht und etwas gegessen. Das erste Mal Fisch hier direkt an der Ostsee. Kein Vergleich zur Ostsee auf Rügen an Ostern: mehr Wind, mehr Wellen – nur die Hitzewelle fehlt noch. Hoffen wir, dass Sonne und Wärme bald wieder herauskommen. Abends haben wir dann gegrillt, auch wenn 50 Prozent der Zeit für das Saubermachen des Grills von den letzten Benutzern draufgingen und man dennoch den deutlichen Unterschied zwischen einem Baumarktgrill und einem Markengrill gemerkt hat.
Damit endet dieser Beitrag, der den Kurs des Blogs wieder auf den aktuellen Stand gebracht hat. Ich verabschiede mich für heute mit einem Zitat, das zu diesen Tagen zwischen schwerer Geschichte, ruhigem Hafen und neuer Reiseetappe passt:
„Wer lange auf See ist, lernt die Stille des Hafens zu schätzen – doch das Herz schlägt höher, wenn wieder Kurs auf neue Horizonte gesetzt wird.“